Digitaler Zeichenkasten aufgefrischt
In der Fachzeitschrift „technische kommunikation“ erschien im Heft 4/08 der Artikel „Digitaler Zeichenkasten aufgefrischt“ von Marco Jänicke.
Die Fachzeitschrift „technische kommunikation“ wird zweimonatlich von der tekom herausgegeben. Mit aktuellen Beiträgen, Interviews, Reportagen, Produkt- und Unternehmensnachrichten sowie Stellenmarkt und Dienstleistungen informieren sie über aktuelle Themen aus Technischer Dokumentation und Informationsmanagement.
CorelDRAW ist eine Software zur Vektorillustration, die aber durch ihr Daherkommen in einer Graphics Suite alle Felder der bildlichen Darstellung abdeckt. Trotz ihres generischen Ansatzes hat Corel mit dieser Software einen festen Platz in der technischen Illustration gefunden. Mit CorelDRAW X4 liegt seit Anfang 2008 eine neue Version vor, deren Bedeutung für die technische Illustration im folgenden Beitrag dargestellt werden soll.
Wesentliche neue Funktionen und deren Bedeutung für die technische Illustration
Keine Neuerung wird verpasst, wenn im Menüpunkt Hilfe / Neue Funktionen die CorelDRAW-Version ausgewählt wird, ab der neue Funktionen in der Softwareoberfläche farblich markiert werden sollen.
Von grundsätzlicher Bedeutung ist die Modernisierung der Softwareoberfläche. Die Modernisierung einer Softwareoberfläche hat meist einen Aufschrei in der Nutzergemeinde zur Folge. Menüs und Symbolleisten werden bei einer solchen Gelegenheit im Namen der Usability ordentlich gemixt und anschließend neu verteilt. Beim Anwender werden so bewährte Arbeitsabläufe in Frage gestellt. Nicht so bei CorelDRAW X4. Die Modernisierung betrifft hier die alleroberste Schicht der Oberfläche. Alle Symbole wurden einem, zugegeben gelungenen, Facelift unterzogen, aber sonst ist alles in Menüs, Symbolleisten und Andockfenstern beim Alten. Schade, muss man sagen, denn es ist nicht verständlich, warum nicht alle Andockfenster unter dem Menü Fenster / Andockfenster zu finden sind, warum Layoutunterschiede zwischen neueren (Absatzformatierung, Vielfach duplizieren) und alten (Änderungen, Extrudieren) Andockfenstern immer noch bestehen, oder warum keine einheitliche Lösung für aktivierte bzw. deaktivierte Schaltflächen gefunden wurde. Mal sind nur aktivierte Schaltflächen (Hochformat und Querformat) mit einem 3D-Effekt versehen, oder der 3D-Effekt ist immer vorhanden und aktivierte Schaltflächen werden „gedrückt“ (Ebenenübergreifend bearbeiten) dargestellt. Diese Darstellung hätte nun wirklich einer Modernisierung zum Opfer fallen müssen, denn oft ist kaum zu erkennen welchen Zustand die Schaltfläche nun eingenommen hat. So bleibt also für eine Modernisierung der Softwareoberfläche doch noch Potential.
Als einzig vollständig neue Funktion von CorelDRAW X4 kann die interaktive Tabelle angesehen werden. Diese Funktion hat auch ein neues Objekt (Tabelle) zur Folge. Auch wenn die eingefügten Elemente zunächst wie eine Ansammlung von Rechtecken erscheinen und wie das Ergebnis der Funktion Millimeterpapier aussehen, stecken doch in diesen Elementen als Objekt zusammengefasst, alle typischen Eigenschaften einer Tabelle. Spalten, Zeilen, Zellen, Rahmen und Gitter können vollständig und systematisch angepasst werden. Zellen verbinden und wieder trennen ist kein Problem und erwartungsgemäß passt sich der Zelleninhalt dynamisch an. Bei der Arbeit mit dieser neunen Funktion kommt man sehr schnell und intuitiv zum Ziel. Auch wenn Tabellen mit Text keinesfalls der Schwerpunkt der technischen Illustration sind, leistet doch diese Tabellenfunktion viel mehr als zunächst angenommen. Mit dem Hilfsmittel Tabelle können, wie schon Eingangs erwähnt, auch alle anderen Objekte systematisch platziert werden. Die Tabelle wirkt dabei wie eine Maske und muss aber dabei nicht selbst mit Rahmen oder Füllungen in Erscheinung treten. Werden Tabellen mit Objekten oder einzelne Zeilen und Spalten skaliert, werden leider auch die enthaltenen Objekte skaliert. Dies kann erwünscht sein, ist aber im Gegensatz zu der ganz ähnlichen Funktion PowerClip nicht frei wählbar. Bei Powerclips verhindert die Option Inhalt mit PowerClip sperren im Kontextmenü des Containerobjekts, dass die Inhalte beim Ändern des Containerobjekts mit geändert werden. Bei der Festlegung von Rahmen ist leider nicht steuerbar, ob bei unterschiedlichen Rahmen und Gitter das Gitter über oder unter dem Rahmen liegt. Es ist es sogar so, dass horizontal das Gitter unter dem Rahmen liegt und vertikal darüber.
Sind Tabellen in einer Tabellenkalkulation (MS Excel) oder Textverarbeitung (MS Word) vorhanden, können diese mit der Importfunktion als Tabellen-Objekt übernommen werden. Die Möglichkeit Text oder Tabellen via OLE einzubetten besteht weiterhin. Bei höherer Funktionalität muss dann aber auf grafische Freiheit verzichtet werden.
Mit der Funktion Tabelle ist es also zusammenfassend möglich ein strukturiertes Layout für Text und alle anderen Objekte bereitzustellen.
Abb. 1: Die Tabellen-Funktion im Einsatz mit dem Kontextmenü einer markierten Zelle
In CorelDRAW war es schon lange möglich, mehrere Seiten in einer Zeichnung anzulegen. Jetzt ist auch möglich Ebenen im Objekt-Manager je Seite separat zu definieren.
Erweiterungen der Textfunktion wie Live-Textvorschau, Schrifterkennung, Spiegeln von Mengentext und die bessere Unterstützung für Anführungszeichen sind für den Anwendungsfall von eher untergeordneter Bedeutung.
Die Kompatibilität, der zur Graphics Suite gehörenden Anwendung, wurde etwas aufgebohrt, so werden jetzt Illustrator CS3, Photoshop CS3, Acrobat 8, AutoCAD 2007 (DXF und DWG), Word 2007 (nur Import), PDF 1.7 und PDF/A unterstützt. RAW-Dateien aus Digitalkameras (ca. 300 Kameramodelle) können direkt importiert und bearbeitet werden.
Corel PowerTRACE X4 verfügt endlich wieder über eine Mittellinienvektorisierung. Diese erzeugt exaktere Kurven oder Striche bei der Vektorisierung von technischen Zeichnungen. So sind Vektorisierungsergebnisse möglich, die sinnvoll und editierbar sind und in einer technischen Illustration Verwendung finden können. Besonders die niedrige Anzahl der Konten auf den errechneten Kurven ist erfreulich.

Abb. 2: CorelPowerTRACE mit Mittellinienvektorisierung
CorelDRAW ConceptShare (auch für Corel PHOTO-PAINT X4) ist ein Tool für die Zusammenarbeit und Freigabe, zum Beispiel in einer Ersteller-Kunden-Beziehung. In einer webbasierten Umgebung können alle von der Graphics Suite unterstützen Dateiformate, einschließlich PDF, gemeinsam kommentiert werden. Voraussetzung ist nur ein aktueller Browser und Flash. Der Service ist frei für je drei Entwürfe in zwei aktiven Arbeitsbereichen und einem Gesamtvolumen bis 5 MB. Dies könnte in manchen Fällen ausreichen, ist aber wohl eher zum Einstieg und Ausprobieren gedacht. Kostenpflichtig gibt es vier Pakete, von Solo (19,00 $ / Monat) bis Enterprise (199,00 $ / Monat) mit mehren Arbeitsbereichen, unbeschränkten Entwürfen und SSL-Sicherheit. Insgesamt eine schöne, wenn auch relativ teuere Idee.

Abb. 3: ConceptShare in einem Internetbrowser
Da die gleiche Engine darunter liegt, kann natürlich auch Corel PHOTO-PAINT X4 RAW-Kameradateien verarbeiten.
Die Bildoptimierung steht bei Fotos in Benutzerinformationen sicher an erster Stelle, da sie meist zwingend notwendig aber nicht so aufwendig wie zum Beispiel Freistellung und Retusche ist. Also hat Corel auch hier gefeilt. Durch zusätzliche Funktionen und Effekte erhält man jetzt Feedback zum Histogramm in Echtzeit. Mit den interaktiven Einstellungen und einer neu gestalteten Benutzeroberfläche kann der Ton der Bilder flexibler angepasst werden. Knoten entlang der Tonkurve kann man auswählen, hinzufügen oder löschen, um präzise Tonkorrekturen zu erhalten. Einen zunächst etwas simplen Eindruck macht die neue Funktion Bild geraderichten, bei der, unterstützt von einem benutzerdefinierten Gitter, Bilder gedreht, beschnitten und auf das alte Format neu berechnet werden können. Aber die Funktion erfüllt absolut ihren Zweck und erhöht für eine klassische Aufgabe der Bildbearbeitung die Effektivität.
Fazit
CorelDRAW X4 ist eine solide Standardsoftware für die Vektorillustration und durchaus auch für die technische Illustration geeignet, wobei auf spezielle branchentypische Funktionen freilich verzichtet werden muss. Schon der Corel DESIGNER aus dem gleichen Haus bietet da schon wesentlich mehr. Beim Corel DESIGNER darf man im Übrigen auf Neues gespannt sein, denn auf www.corel.com wurde im März 2008 zum Betatest eingeladen.
Die mit CorelDRAW X4 erstellten Dateien sind nicht abwärtskompatibel, können aber für eine ältere Version gespeichert werden. Dabei geht jedoch das neue funktionale Objekt Tabelle verloren und wird als Linien und Rechtecke umgesetzt.
Die beschriebenen Änderungen und neuen Funktionen sind nicht revolutionär, aber das Preis-Leistungsverhältnis macht dennoch ein Upgrade empfehlenswert. Für CorelDraw-Anwender der Versionen vor X3 ist ein Upgrade schon wesentlich wichtiger, denn an diesen Anwendern sind zum Teil Funktionen wie dynamische Hilfslinien, Begrenzungslinie, Intelligente Füllung, Symbole und vieles mehr bisher vorbeigegangen. Alle Einsteiger in die Corel-Welt, mit dem Ziel technische Illustration, sind mit dem Corel DESIGNER wohl besser bedient.
